Eins vorweg: Ich finde es ganz klasse, dass diese Tour und das Fahrerfeld tüchtig aufgemischt werden - spannender war die große Schleife ja schon seit Jahren nicht mehr. Was für ein Spaß, auf den nächsten positiven Befund zu wetten.
Nur eines stört mich derzeit gewaltig. Das ist die Penetranz und Heuchelei der TV-Medien.
Ok, auch hier zuerst eine Differenzierung: Ohne die Medien wäre die Dopingjagd nun wohl nicht so erfolgreich. Es gibt gute Beispiele, wie etwa als das ZDF aufgedeckt hat, wie unbeaufsichtigt zur Doping-Kontrolle bestimmte die Fahrer nach der Zieleinfahrt bleiben.
Nun aber zur Kritik: Es nervt geradezu, wie häufig das Wort "Kollaps" benutzt wird. "Steht die Tour vor dem Kollaps?" Nein! Tut sie nicht. Ich habe das Gefühl, die Medien hätten das gerne, was wäre das doch für eine Geschichte? Ok, es hoppst ein ganzer Sport dabei über die Klinge, den wir selbst mit aufgebaut haben. Na und...? Hauptsache was zu melden.
Dabei ist die Entwicklung aus meiner Sicht kaum positiver (hihi) zu bewerten: ENDLICH wird hart kontrolliert. Es ist zu begrüßen, dass nun ein Signal gegeben wird: "Wer dopt, fliegt!" Es ist GUT und HEILSAM, was jetzt passiert. Man kann doch einen Patienten nicht bei erfolgreicher Therapie für tot erklären!
Rückblick: Was haben die Medien allesamt unkritisch berichtet, obwohl das Problem jedem Insider bekannt war. Da wurden Doping-Experten abgewiesen, die heute ständig zitiert werden. Da wurde jedes Weißbier von Jan Ullrich peinlich genau gezählt! Man hat menschlichste Züge - wie der Bedarf mal im Winter zu regenerieren - verteufelt. "So gewinnt er nie die Tour!" Jedes Gramm Fett von Ulle wurde selbst genau unter die Lupe genommen.
Unter welchem Druck muss Jan Ullrich wohl gestanden haben - gerade wegen der Medien?
Und heute?
Heute sitzen die selben Medienschaffenden als moralische Gutmenschen in meinem Bildschirm und dreschen undifferenziert auf den Radsport ein.
Heute moderieren noch immer schwer unter Doping-Verdacht stehende Ex-Sportlerinnen Beiträge über Doping an.
Heute werden Berichte über Kraftsportler gebracht, und anschließend übergeleitet auf die Tour-Berichterstattung, sinngemäß mit Worten wie "Und die beiden schaffen das, wie sie uns versichert haben, ganz ohne Doping. Sehr im Gegensatz zu den Radsportlern bei der Tour de France, wovon unser nächster Bericht handelt..." (Kleiner Tipp: Das meiste Doping findet unter Bodybuildern statt!)
Diese moralische Wendehals-Mentalität und der Defätismus - das kotzt mich gerade wirklich an. Wo sind die sauber recherchierenden, differnzierenden Journalisten? Gibt es derzeit keine?
Stehen die Medien etwa vor dem Kollaps?


Da hilft nur eins - ausschalten bzw. erst gar nicht einschalten. Nur die Sprache verstehen die Medien.
Gut, dass wenigstens das Fernsehen immer so korrekt ist und damit eine Kontrollfunktion einnimmt, die so in dieser Form keiner brauchen würde. Das traurige ist, dass man sich dabei noch massiv selbst auf die Schultern klopfen kann, wie toll aufklärerisch man so arbeitet. Kotz!
Gut, es ist sicher zutreffend, daß für die Medien (aber auch hier sollte man nicht pauschal urteilen) auch die derzeitige Dopingdebatte ein lohnendes Thema ist. Und man kann sich bei gewissen Journalisten nur wundern, wie sie jahrelang so naiv waren und nun auf einmal die Oberaufklärer spielen.
Aber: es gibt genügend Journalisten, die seit Jahren engagiert und fair berichten und an ihrer Haltung jetzt auch nichts ändern mußten. Es gibt definitiv sauber recherchierende und differenzierende Journalisten... beispielhaft seien nur Evi Simeoni (FAZ), Andreas Burkert oder Hans Leyendecker (SZ) genannt oder Christian Schwager von der Berliner Zeitung macht aktuell auch einen guten Job. Hier sollte man also auch nicht alle Journalisten über einen Kamm scheren.
(Übrigens habe ich auf meinem Blog aktuell einen Vorschlag eingestellt, wie der Radsport sich möglicherweise konsequent der Dopingmisere entgegenstellen könnte... )