Fünfmal Gold, fünfmal Weltrekord - der Amerikaner Michael Phelps dominiert seine Konkurrenz nach belieben. Und weil die deutschen Schwimmer ähnliche Zeiten hinlegen wie einst Eric the Eel, werden in Webforen die Doping-Verdächtigungen gegen Phelps immer lauter.
Zurecht! Denn wer eben mal kurz hintereinander (!) zwei Weltrekorde pulverisiert, dessen Regenerationsfähigkeit erscheint mir als nicht mehr natürlich.
Jetzt kommt das große "Aber". Wir alle vergessen dabei, dass Doping maximal das (saure) Sahnehäubchen auf dem gemischten Eis des Sports ist. Denn: Kein Athlet wird schnell durch Doping. Er wird höchstens schneller. Es braucht noch andere wichtige Zutaten. Dazu gehören:
- Ehrgeiz
- Ausgeklügeltes Training
- Erfahrung
- Selbstvertrauen
- Passendes Umfeld
Ehrgeiz
Da hab ich doch schon das Zucken der Augenbrauen bei einigen Bloglesern gesehen. Ich wiederhole das Wort noch einmal und lasse es wie Butter auf meiner Tastatur schmelzen: E-H-R-G-E-I-Z. Ich zitiere aus Wikipedia: "[...]das mehr oder weniger starke Bemühen, ein bestimmtes Ziel zu erlangen. [...] Er zielt unter anderem auf eine Bewahrung oder Steigerung des Selbstwertgefühls in einer Gemeinschaft aus Wettbewerbern und steht in enger Beziehung zur eigenen Eitelkeit." Das sitzt!
Wie sieht es aus mit dem Ehrgeiz in unserer Gesellschaft? Ich kann natürlich nur von meinem Mikrokosmos sprechen, doch da treffe ich auf Leute, die auf die "Luschen in Peking" fluchen, während sie selbst immer wieder betonen, dass sie Sport als Mord empfinden. Ehrgeiz wird mit Verkrampfung gleichgesetzt.
Auch bei den Breitensportlern wird Ehrgeiz oft misstrauisch beäugt. Im Vordergrund steht für viele (...und das will ich keinem madig machen! Jeder muss seine Ziele selbst definieren!), das Beisammensein, die Gesundheit, die Landschaft... kurz: alles mögliche. Was fehlt ist jedoch die Bereitschaft sich für etwas zu schinden. Etwa Tempo zu trainieren. Das tut ja weh! (Auch wenn meine Trainerin dann sagt, dass es nicht weh tun dürfe...) Worin liegt da der Spaß?
Mit dem Wort Passion, dem Überkommen von Grenzen durch Leiden, dem kontinuierlichen Arbeiten und Opfern für diesen einen Sport - damit können die wenigsten etwas anfangen. Schon gar nicht klein Hänschen in der Schule - während alle anderen Kinder spielen gehen. Und sportlicher Ehrgeiz wird kaum gefördert... Weder vom sozialen Umfeld, noch von den baulichen Strukturen. Dass Leistung Spaß machen kann, hat unsere deutsche Gesellschaft leider vergessen.
Ohne seinen Ehrgeiz - so viel steht fest - würde Phelps nicht auf dem Treppchen stehen. Da könnte er dopen noch und nöcher. Man muss schon wollen.
Ausgeklügeltes Training
Seit etwa einem Jahr habe ich nun eine Schwimmtrainerin. Die Steigerung, die ich alleine durch ein kontinuierliches Trainieren mit einem halbwegs individuellen Plan hinlege, macht mich froh. Es gibt so viele Rädchen, an denen man drehen kann, damit man sich verbessert.
Sehe ich mich aber um, stecken viele fest in immer gleichen Trainingstrukturen mit immer gleichen Tempi und Einheiten. Denen fällt es natürlich schwer zu glauben, dass man durch richtige Trainingsmethoden große Steigerungen erreichen kann. Doch! Man kann! Und ich kann es nur empfehlen...
Erfahrung & Selbstvertrauen
Amerikaner sind es gewohnt ständig Wettkämpfe zu schwimmen. Nicht nur einmal im Jahr. Sie gewinnen Selbstsicherheit daraus und Erfahrung, die sie in Hauptwettkämpfen wiederum einsetzen können. Wie sieht es aus in Deutschland, im Breitensport? Ein Beispiel: Höre ich, dass ich an einem 10.000-Meter-Wettkampf auf der Tartanbahn teilnehmen könnte, schrecke ich sofort zurück. "Da sind nur die Besten, und wer bin da schon ich? Ich bin unwürdig!"
Statt es einfach mal zu machen, sich zu trauen, die Erfahrung mitzunehmen, bauen viele von uns sich selbst eine Schranke ein. Da sind die "Guten" - ich bin was anderes. Viele Vereine stützen dieses Gefühl noch, indem sie die Elite von den Breitensportlern möglichst stark trennen, sie schaffen einen fast unüberwindlichen Graben. Und die "Elite" trägt durch die Sonderbehandlung dann die Nase zu hoch.
Dabei ist der Übergang von Breite zur Elite fließend. Und ein guter Elite-Sportler sorgt doch dafür, sein Wissen und Vorbild der Basis zu vermitteln, damit dort heraus neue Spitzen wachsen, neue Begeisterung, mehr Erfahrung und mehr Selbstvertrauen entsteht.
Phelps hat all das und es macht in stärker.
Passendes Umfeld
Hatte Ihre Schule ein eigenes Schwimmbad? Wieviele Schwimmbäder kennen Sie, die 50-Meter-Bahnen haben? Wieviel Neubauten waren in Ihrer Umgebung Spaßbäder, wieviele wurden auf Sport hin ausgerichtet? Wird es in öffentlichen Bädern gerne gesehen, wenn ein Schwimmtrainer von außerhalb an der Bahn steht? Werden die Bahnen für ambitionierte Athleten akzeptiert, gibt es sie?
Für mich hier lauten die Antworten: Nein, zwei, zwei, null, nein und naja. Kein optimales Abschneiden für das Umfeld. Noch ein Test: Kennen Sie eine Tartanbahn, auf die sie einfach drauf dürfen, ohne dass sie der Hausmeister tötet? - Nein!
Will Deutschland wieder Spitzensportler, muss es bei der Basis ansetzen und ihr die Strukturen schenken. Denn eine Spitze ohne Basis trägt sich nur schwer.
In der Sportförderung und den Möglichkeiten (und nur dort) können wir uns bei dem Amerikanern sicher noch etwas abschauen. Nicht alles. Aber etwas. Phelps hat davon profitiert.
Fazit - was wir nun lernen können
Wir können lernen, dass wir eine aktive Entscheidung treffen, wieviel persönlichen Ehrgeiz wir entwickeln wollen für unseren Sport. Wir können uns fragen, was wir für Triathlon bereit sind zu opfern und was wir im Gegenzug dafür erhalten.
Jeder für sich.
Wenn wir die Ziele höher stecken, sollten wir uns auch mit Trainingslehre auseinandersetzen oder gar Geld für einen Trainer ausgeben. Lasst uns mehr Erfahrungen machen und unsere eigene Leistung nicht minderbewerten. Und schließlich: Lasst uns ein Umfeld schaffen, dass Spaß und Lust an Leistung im Sport hat - unverkrampft.
PS: Material habe ich übrigens mit Absicht nicht aufgenommen. Denn das Geeiere um Speedo-Anzüge hin oder her, geht mir schon auf den Kecks...


Vor allem beim Punkt "Passendes Umfeld" kann ich voll zustimmen. Das ist, denke ich, wirklich das größte Problem.
Mir gehts weniger um die Regeneration. Als Laie fällt einem vielleicht auf, daß er komisch aussieht. Als Mediziner sieht man an Nase, Ohren und Kinn sofort, daß 1. entweder dieser arme Junge krank ist und an Akromegalie leidet, weil seine Hirnanhangsdrüse zuviel Hormone produziert, oder 2. der Schweinehund mit Wachstumshormon nachgeholfen hat.
Daß er jetzt nicht positiv getestet wird ist klar. Wenn Du das Hormon spritzt, dann entfaltet es seine Wirkung auf die Knochen und Muskeln auf Lebenszeit. Daß er es offensichtlich in der Wachstumsphase seines Körpers mit einem zuviel an Wachstumshormon zu tun hatte ist offensichtlich und umso tragischer, als er noch Jahrzehnte mit den Folgen leben muß.
Vgl. hierzu ein Bild von 2008 http://pix.sueddeutsche.de/sport/818/302814/400_Phelps_reuters-1218595265.jpg
mit einem bild von 2005 http://www.popstarsplus.com/images/MichaelPhelpsPicture.jpg
Ich stimme dem Punkt "passendes Umfeld" vollkommen zu. Wenn sich einzelne Städte wie z.B. Hamburg, Stuttgart ode Düsseldorf als "Sportstadt" titulieren, so kann ich erst drüber lachen und dann weinen. Das Schwimmbadproblem ist in allen drei Städten vorhanden. Tartanbahnen habe ich bisher immer gefunden, aber mit den Schwimmbädern, gerade im Sommer die Freibäder, das ist echt eine Katastrophe.
Deutschland hat von demher ein echtes Infrastrukturproblem. Die Amis machen es genau richtig, da hat jede Schule ein großes Sportgelände und Sportangebot. Ok, die haben auch Platz, und auch in Deutschland gibt es Schulen mit einem Sportplatz, aber eben nur vereinzelt.
Echt traurig...
Und was das Training angeht: JA! Sollte jeder sich ein bißchen mehr Mühe geben, wer es will. Wer sich aber wundert, immer hinterher zu schwimmen und zu fahren, trotz hoher Umfänge, der muß mal drüber nachdenken, ein bißchen mehr Intensität ins Training bringen.
In dem Sinne, keep on running!
Tim
Ich stimme Dir teilweise zu. Passendes Umfeld: Auch wenn wir in München nicht viele 50m-Bahn Hallenbäder haben - Freibäder gibt es genug. Und Hallenbäder mit 25m ebenfalls. Dass es dort keine abgetrennten Bahnen gibt, sondern es nur von "Treibholz" wimmelt, ist ein anderes Problem. Aber auch da müssen sich Sportschwimmer und Triathleten zusammenschließen und entsprechende Anfragen einreichen. Leider wird nichts getan und vom jammern wird nichts besser.
Dass in den meisten öffentlichen Schwimmbädern keine freien Trainer geduldet werden, ist SWM-Politik bzw. geht in Gemeindebädern von den ansässigen Schwimmvereinen aus, die die Konkurrenz fürchten.
Nochmals passendes Umfeld: Was würden da wohl die Kenianer und Äthiopier dazusagen. Dort haben die Athleten sicherlich nicht die Trainingsmöglichkeiten, die uns Westeuropäern (oder noch besser: uns hier in München) zur Verfügung stehen, aber trotzdem produzieren sie WeltklasseläuferInnen am laufenden Band. Warum? Weil die Motivation da ist (Hunger ist ein guter Anreiz und die Athleten dort sind hungrig in vielerleit Hinsicht.)
Ich kenne hier genügend Athleten, die einfach zu faul sind 45 Minuten Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen (Sorry, ich bin jedesmal 1,5 Std. bis ins Oly unterwegs und beschwere mich nicht!). Die meisten wollen aus der Haustür herausfallen und im Schwimmbad stehen.
Dann wiederum gibt es ambitionierte Breitensportler, die es schaffen neben einer 60 Std.-Arbeitswoche auch noch 20 Std. zu trainieren. Da sage ich: Hut ab!
Als nächstes die Kostenfrage. Die meisten Athleten hätten zwar gern ein besseres Training, aber sie wollen nichts dafür investieren. Weder die Zeit noch das Geld. Da kann ich nur sagen: Von nichts, kommt nichts. BTW: Ein Michael Phelps schwimmt ca. durchschnittlich 12km pro Tag. Welcher Hobbytriathlet schwimmt 12km in der Woche?
Fazit: Wenn ich meinen Sport mit Leib und Seele betreibe und wirklich gut werden will, dann finde ich Wege und Mittel das zu realisieren, egal wie widrig die Umstände sind. Alles andere sind faule Ausreden.
Trostpflaster: Ich habe erst kürzlich einen Artikel über ähnliche Zustände in Australien gelesen bzgl. der Leichtathletik.
Cheers. ND
Stimme bei allem zu.
Nochmal zum Umfeld: ich glaube, dass die Läufer in Äthiopien ein sehr gutes Umfeld haben - ab einem gewissen Punkt.
Der Anreiz ist sicherlich der, dass der Läufer dann mit seinem Laufen auch eine ganze Familie ernähren möchte.
Laufen ist sicherlich am leichtesten zu realisieren. Bahnen sind nicht unbedingt nötig.
Ich denke, dass es in Deutschland generell seitens der Sporterziehung vernachlässigt wird, den Spaß am Sport zu vermitteln. Schauen wir in die Schule:
Fußball, Fußball, Fußball. Dann werden wir im Winter an Reck und Ringen gequält. Der Rest wurde bei uns durch Bundesjugendspiele (kotz) geregelt.
Ne, liebe Lehrer. Bitte versucht doch mal Spaß am Sport zu vermitteln - und nicht nur den am Fußball...
glaube schon, dass wir in Punkto Schwimm-Umfeld in München auf der Insel der Seligen leben. Habe mir neulich mal die Schwimmbad-Öffnungszeiten der Bäder in Bremen (500.000 Einwohner!) angesehen und würde mal sagen, dort hätte ich Kraulen nie gelernt. (Umgekehrt hat man an vielen Orten - außer in München - die Möglichkeit, ne Tartanbahn kostenlos zu nutzen).
Aber wenn ich Sportskollegen in München mit denen aus Hinterhasenhausen vergleiche, würde ich sagen, der Haupt-Hase liegt im Ehrgeiz- und Trainingsmethoden-Pfeffer. Gut werden kann man nämlich wirklich überall, egal ob sich die eigene Gemeinde zehn Schwimmbäder leisten kann oder nur einen Sozialtreff für ledige Mütter. Für manche ist es generell pfui, wenn man es jemandem überhaupt anmerkt, dass ihm an einer Leistungsverbesserung persönlich was liegt (Streber, män!) ... tja, schade, dieses Cool-Sein-Müssen um jeden Preis ist in meinen Augen ein Entwicklungsstadium, das mit Abschluss der Pubertät durchlaufen sein sollte. Ich glaube, bei Wettkampfsportlern am beliebtesten ist aber das gute, alte Watzlawick-Prinzip "mehr dasselben". Wenn ich mit Trainingsform x nicht weiterkomme, kann das nur daran liegen, dass ich nicht genug von x gemacht habe - also muss ich die Dosis steigern. Eigentlich bleibt einem da sogar das Lästern im Hals stecken, wenn man sieht, wie sich manche Leute mit dieser Einstellung ernsthaft selbst martern und schädigen... aber wenn man diesen Gedanken mal ein wenig weiter kreisen lässt: wie viele Leute verhalten sich in ihrem Arbeits- und Beziehungsleben auf die selbe Weise unvernünftig und selbstschädigend, wie sie es dann im Sport auch tun?
Ich denke, dass es in Deutschland generell seitens der Sporterziehung vernachlässigt wird, den Spaß am Sport zu vermitteln.
Um Schwimmer wie Phelps hervorbringen zu können, braucht es eine Sporterziehung, die nicht nur auf Zufall basiert. Beispiel DDR: Da wurde schon im Jugendalter systematisch und gnadenlos ausgesiebt, in der Schule genauestens überprüft, wer für welchen Sport geeignet ist. Diese Leute wurden dann gezielt gefördert. Ob das dann immer Spaß gemacht hat, ist eine andere Frage. Aber der Erfolg der DDR-Sportler ist in erster Linie auf dieses gründliche Fördersystem zurückzuführen und nicht nur auf Doping. Das wird in den USA nicht anders sein, wo der Wettkampfgedanke, wie im Beitrag geschrieben, viel ausgeprägter ist als bei uns.
Wie sieht's bei uns aus? Wie oben zitiert. Dann gibt's vielleicht noch ambitionierte Sportlehrer oder Macher in den Vereinen, die Kinder für ihren Sport begeistern können. Die trainieren dann alle, die sich angesprochen fühlen, auch wenn die Masse vielleicht gar nicht für die Sportart die besten Voraussetzungen mitbringt. Ab und zu ist dann vielleicht mal einer dabei, der wirklich gut ist und Chancen auf Sporthilfe o. ä. hat. Insgesamt alles eher zufällig. Talente haben wir sicher genauso viele wie die USA (anteilig an der Bevölkerung.
Nicht die äußeren Bedingungen fehlen bei uns, mehr das nötige Fachpersonal, der Wille und das Geld, Spitzensport zu fördern.
Hallo Uli,
darf ich mal was Böses schreiben...? (geht nicht gegen dich persönlich) mir persönlich isses so was von egal, was Deutschland für einen Medaillenspiegel erreichen könnte, wenn man nur genug Kinder a la DDR-Sportförderung gequält hätte. "Du könntest was Besonderes sein..." Auf einen, der was besonderes geworden ist, kommen wieviele, die die Chancen, sich mit ner vernünftigen Ausbildung souverän ihre Brötchen verdienen zu können, für das Verfolgen einer Medaillenhoffnung in, sagen wir mal, Turmspringen, Geräteturnen, Hammerwerfen oder von mir aus auch im Schwimmen vergeigt haben? Was wird man, wenn man nichts außer toll schwimmen kann (nur leider auch nicht besser als die 100 anderen der Weltspitze)? Sportklamottenverkäufer, Trainer, Eventmanager.. Wer das für sich selber will, weil er auch als Erwachsener immer noch nichts anderes machen möchte als so viel wie möglich "seinen" Sport, bitte, ich will diese Entscheidung gar nicht werten. Aber sie kann erst im Erwachsenenalter valide getroffen werden, und etliche Heranwachsende entscheiden sich von selber dagegen, weil das Leben gerade in dem Alter noch sehr viel anderes zu bieten hat als "würdig sein Land zu vertreten", zumal, auch bevor ein Spitzensportler wirklich "was ganz Besonderes" wird, sollte er gesunderweise erstmal ein Mensch werden, damit das auf Dauer gutgeht. Wie Kinder über ihr Selbstwertgefühl von Trainern und Eislaufeltern manipuliert werden, lässt mir echt den Hut hochgehen; "die machen das alles freiwillig". Genausogut könnte man sagen, dass Zehnjährige, die in der 3. Welt Klamotten in Fabriken nähen, das vollkommen freiwillig tun, weil sie ja stolz sind, damit wenigstens etwas gegen das Elend ihrer Familie tun können.
Was wird man, wenn man nichts außer toll schwimmen kann?
Da wird man auch nicht viel, wenn man zuerst "Mensch" wird.
Die Frage war, was wir von Phelps lernen können.
Meine Erfahrung im Bekanntenkreis ist, dass im DDR-System gründlicher Talente gesichtet und gefördert wurden. Und das bezog sich nicht nur auf den jeweiligen Sport, sondern auch auf das Umfeld (Schule, Ausbildung, Beruf nach dem Sport). Dazu gezwungen wurde keiner, auch wenn das in den Medien heute vielleicht anders dargestellt wird. Ich kenne genügend Beispiele, die den Sport ganz freiwillig aufgegeben haben.
Nebenbei bemerkt, es ist ja nicht so, dass ein Spitzensportler nur Sport im Kopf hat. Sehr viele sind erfolgreich im Studium, später im Beruf.
Man kann durchaus gleichzeitig "Mensch werden" und Spitzensportler sein. Ich finde jedenfalls die meisten Spitzensportler Anfang 20 reifer als viele Gleichaltrige. Ich weiß nicht, wie deine Vorstellungen von Kindererziehung sind, aber man kann als Eltern sein Kind auch motivieren ohne dass man Druck ausübt. Durch Vorbild zum Beispiel. Das ist dann wirklich etwas, was jeder von uns tun kann.
Nachsatz: Ich bedauere sehr, dass ich als Kind/Jugendlicher nicht die Möglichkeit hatte, z.B. Schwimmen oder Radfahren richtig betreut zu lernen. Vom Laufen ganz zu schweigen.
Dass man nicht viel wird, wenn man nicht toll schwimmen (oder was anderes sporteln) kann, läuft auf die Frage raus, was man erreichen will im Leben. Ich persönlich habe trotz sportlicher Mittelmäßigkeit erreicht, dass ich so viel Geld verdiene, dass ich mir den guten Schwimmer als Trainer buchen kann. Davon fühle ich mich nicht was Besseres als der Schwimmer, aber: Geld beruhigt, ist eine etwas allgemeingültigere Währung, wenn man sich Bestätigung verschaffen möchte, und zugeflogen ist es mir in meinem Leben auch nicht.
"Nebenbei bemerkt, es ist ja nicht so, dass ein Spitzensportler nur Sport im Kopf hat. Sehr viele sind erfolgreich im Studium, später im Beruf."
Ersteres kommt sicher vor, vor allem jedoch in der Einschätzung der Betroffenen selber. Und letzteres: klar, in einem System in dem der Zugang zu Bildung über alle möglichen "Qualifikationen" geregelt wurde außer berufsbezogener Eignung und in dem keiner arbeitslos war, hat das funktioniert. Einen Abklatsch davon konnte ich in meiner Studienzeit in den USA beobachten, wo man ins College auch reinkommt, wenn man in bestimmten Sportarten besonders gut ist. Diese Typen aus der Nähe hättest du vermutlich auch zum Abgewöhnen gefunden, und bestimmt nicht "reifer".
Vorbild für Kinder: vollkommen d'accord. Wenn ein Kind an seinen Eltern sieht, was alles geht und wie viel der Sport den Eltern gibt, wird es viel weiter kommen als ein Kind, dem diese Vorbilder fehlen. Das ist der Unterschied zu klassischen Eislaufeltern.
Nachsatz: Wenn ich mir denke "wenn die anderen genauso als Kinder besser betreut worden wären wie du, wären sie heute genausoviel schneller wie du auch wärest", verfehle ich vielleicht das, was an der mehr-Förderungs-Vorstellung reizvoll für dich gewesen wäre. Aber was das genau ist, das kapiere ich irgendwie wirklich nicht ganz. Besser als wer willst du denn sein, die Bewertung einer Leistung ergibt sich zwangsläufig aus dem Vergleich mit dem, was andere können? Schneller als die Leute in Nigeria schwimmen und radeln wir auch so ... Oder hättest du gern, dass nur du so gefördert worden wärest wie die Sportler, die du jetzt beneidest, die anderen aber nicht? Das rückt das Ganze irgendwie in die Nähe der typischen Neid-Diskussion, die den Wert von Förderung im Kindesalter nicht nur im Sport oft gnadenlos überhöht. Auch wer als Kind gefördert wurde, war und ist selbst verantwortlich dafür, seine Förderung richtig umzusetzen!
Mein privates Urteil über meine eigene mangelnde Sportförderung sieht ganz anders aus als deins:
ich bin bei vielen andren Themen sehr gefördert worden als Kind. Als meine Mutter dann gemerkt hat, dass ich mich zunehmend für Sport interessiert habe, entschuldigte sie sich quasi später, dass sie dort nicht gleichermaßem tätig geworden ist. Aber genau das war für mich wahrscheinlich sogar das Reizvolle daran: Sport war erstens der EINE Bereich, in dem ich immer selber definieren durfte, wieviel ich mich dort engagieren möchte (das kann man bei Familienhobbys, die auch wir hatten, so schön diese Gemeinsamkeit ansonsten ist, nämlich knicken) - zweitens, durch die Maßstabs- und Ahnungslosigkeit meiner Familie in Sachen Sport, war jedes bescheidene Anfangsschrittchen ein echter Erfolg.
Du hast den Zwinker-Smiley übersehen. Bei besserer Förderung im Kindesalter würde ich mich heute leichter tun als Triathlet im reiferen Alter.
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