22. Mondsee 5-Seen Radmarathon

Kurzgefasst

Strecken Tour A – 200 KM, Tour B – 140 KM, Tour C – 80 KM, Tour D – 30 Kilometer
Höhenmeter Tour A – 2500, Tour B – 1000, Tour C – 300
Teilnehmer Gesamt 1450, davon rund 220 auf Tour A
Im Paket Socken, Armlinge, Gutscheine für Getränke, Essen, Eintritt ins Schwimmbad
Bewertung Gute Orga, gute Verpflegung, halbwegs gesicherte Strecken, wunderschöne Landschaft, fairer Preis, deutliche Streckenmarkierung mit Pfeilen
Web-Info http://www.mondsee-radmarathon.com/

Und wieder stellt sich bei mir das “Ich-bin-hier-fehl-am-Platz”-Gefühl ein. Mein Blick schweift über die Reihe braungebrannter Athleten im Startblock vor mir: Stahlwaden wechseln sich mit Karbon-Rahmen ab. Es ist Sonntag der 25. Mai, 6:55 Uhr, ich bin in Mondsee, einem kleinen Ort nicht weit hinter Salzburg. Vor mir liegen 200 Kilometer Strecke, darin 2500 Höhenmeter. Der erste Berg wartet bereits nach 25 Kilometern. Ich bin wie immer nervös, eine Pastorin bittet über das Mikrofon um göttlichen Beistand – fast bin ich geneigt ebenfalls ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken, doch der laute Startschuss lässt mir keine Zeit mehr. Die rund 200 Teilnehmer bilden ein Konzert aus Klickpedal-Geräuschen. Der Peloton rollt.

Allerdings ist der Start zunächst neutralisiert. Heißt: Das gesamte Feld fährt mit rund 30 KM/h einem Führungsfahrzeug hinterher, das Rennen ist also noch nicht eröffnet. Erst nachdem wir eine 90-Grad-Kurve und einen Kreisverkehr passiert haben, geht es los. Und wie! Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich mit einem lockeren 25er Schnitt vorbei an Mond- und Wolfgangsee zum Anstieg zur Postalm fahre – die ersten 800 Höhenmeter sind dort am Stück zu absolvieren. Falsch gedacht! Das Feld ist viel schneller, rast teilweise mit 40-Sachen und mehr über den Asphalt, sortiert sich ständig neu – trotz des Tempos wage ich es nicht langsamer zu fahren, denn hinter mir kommen nicht mehr viele. Nur nicht Letzter sein! Nur nicht aus der Wertung fallen.

Katrin und ich nach dem RennenMit einem Schnitt von 32 KM/h erreiche ich den Berg. Jetzt schlägt meine Stunde! Jetzt kann ich meine Leichtigkeit ausspielen. Und tatsächlich schaffe ich es einiges an Boden gut zu machen auf dem Weg nach oben. Aussicht und Wetter sind erster Klasse, die Sonne scheint, es ist angenehm warm, nicht heiß. Die Bäume am Straßenrand geben dann und wann den herrlichen Blick auf die gegenüberliegenden Gipfel frei, während ich Serpentine um Serpentine abarbeite. Ich versuche in meinen Rhythmus zu kommen, und Körner für später zu sparen. Ein Plan, der allerdings nicht auf geht. Oben dämmert es mir: Der Berg hat Kraft gekostet, die mir später fehlt… Wir sind erst bei Kilometer 40!

Freunde erzählen manchmal von dem Punkt, an dem sie sich fragen, warum sie das alles machen, das mit dem Radfahren und dem Quälen und so. Die Frage stelle ich mir nicht. Ich stelle mir auf dem Rad gar keine Fragen – darum fahre ich so gerne. Darum und weil ich das Gefühl des Lenkers in meinen Händen liebe, weil ich gerne Serpentinen hochfahre, weil ich mich gerne in rauschende Abfahrten stürze, während mir das Karbon auf Gewichtsverlagerung in den Kurven gehorcht.

Rund 600 Höhenmeter schwingen sich die Pedaleure nun ins Tal. Unten heißt es eine gute Gruppe zu finden. Tatsächlich schließen sich zirka sechs Fahrer zusammen. Radsport ist eben ein Teamsport – man gibt sich Windschatten, hilft sich gegenseitig, solange es im Interesse der Beteiligten liegt. Doch ebenso gnadenlos wirkt dieser Mechanismus: Die Gruppe schützt Dich, doch sie wartet nicht. So ist mir das Tempo zwar zu hoch, doch ohne die anderen würde ich hier im Wind sterben. Also Zähne zusammenbeißen, dran bleiben, Führungsarbeit mit leisten.

PFFFFT! Meinen Hintermann platzt der Reifen. Die Hälfte unserer Gruppe gehört zu einem Team, hält an, hilft. Der Rest fährt weiter – und zersplittert. Kilometer 70, es geht wieder bergab. Ich lasse die Beine hängen, doch eine richtige Erholung will sich nicht einstellen. Unten treffe ich auf zwei aus der Gruppe, wir versuchen erneut zusammen zu fahren. Pustekuchen: Der eine will gar nicht führen, der andere zieht jedesmal an, sobald er nach vorne kommt. Das klappt nicht. So und ähnlich geht es bis Kilometer hundert, bis zur zweiten Verpflegungsstelle. Die letzte Gruppe hat mir so richtig die Lust genommen: unrhythmisch, unentschlossen, unvorhersehbar. Mir reicht’s! Von hier an alleine! Es liegen ja nur noch 30 Kilometer vor mir bis zum nächsten Berg.

Es werden 30 sehr lange Kilometer…

Auf der Ebene geht der Wind, am Traunsee geht der Wind – und er kommt immer von vorne. So drücke ich alleine in die Pedale. Beide Waden drohen mir – ungewohnterweise – Krämpfe an, ebenso der Oberschenkel beim Knie. Jetzt spüre ich sie, die Körner, die ich am Berg habe liegen lassen. Hinter mir, vor mir, so weit ich blicke – kein anderer Radfahrer mehr zu sehen. Gespenstisch.

Zweifel befallen mich: Bin ich falsch abgebogen? Habe ich eine Markierung übersehen? Ich halte an, frage Touristen, ob sie andere Fahrer gesehen haben. “Ja, unzählige!” Ich fahre wieder weiter; mit einem unguten Gefühl. Fast bin ich froh, als mich endlich wieder eine Gruppe von hinten überrollt.

Kilometer 130, vorletzter Berg. Der Krampf fährt mir endgültig ins Bein, ich trete weiter – was soll ich sonst tun? Irgendwann lässt der Schmerz nach, der Muskel macht wieder auf. Weiter! Normalerweise wäre solch ein Berg ein Kinderspiel für mich. Heute nicht mehr. Doch auch dieser Anstieg geht vorbei. Abfahrt, jetzt nur noch 30 Kilometer rund um den Attersee; etwas über eine Stunde wenn alles glatt geht. Dann würde der Anstieg hinter Nussdorf kommen mit maximal 13 Prozent Steigung. Wenn ich den bewältigt habe, muss ich nur noch ins Ziel rollen. So der Plan.

Doch die 30 Kilometer um den See ziehen sich, zumal der Wind wirklich nicht mein Freund ist. Am Straßenrand parken Autos mit offenem Kofferraum – Trockenanzüge von Tauchern hängen in den Bäumen. Der Attersee gehört zu den beliebtesten Zielen der Unterwasser-Touristen. Ich denke an meine Freundin, die kurz vorher auf der 140er Runde hier durchgekommen sein muss. Ihr ging sicher das Herz auf, als sie ihre Tauchkameraden gesehen hat. Die Gedanken lenken mich angenehm ab. Danach wieder drücken, drücken, drücken. Ich falle in eine Art Trance, sehe nur noch den Asphalt unter mir durchrauschen. Kein Auge für die Landschaft.

Endlich Nussdorf. Endlich der letzte Berg. Den bin ich früher schon mehrfach gefahren – einige KM/h schneller allerdings. Doch er ist mir vertraut: Hier eine Biegung, dort ein Fleckchen Wald, hinter dem gelben Haus der 13-Prozenter, insgesamt vier Kilometer, dann bin ich oben. Ab jetzt nur noch rollen lassen.

Als wollte mich der Marathon verhöhnen, finde ich unten dann die beiden perfekten Mitfahrer: Ohne Worte wechseln wir uns ab, arbeiten zusammen, fahren konstant die letzten zehn Kilometer Richtung Ziel. Hier ist Mondsee, da die 90 Grad Kurve vor dem Ziel. Unbeschreiblich, das Glücksgefühl, ich unterdrücke die Tränen. Es ist geschafft!

Mit einem Schnitt von 27,4 KM/h und einer gesamten Zeit von 7 Stunden und 25 Minuten rolle ich ins Ziel, gerade rechtzeitig um den Sprecher der Siegerehrung zu hören: “Platz eins mit fünfeinhalb Stunden … Paul Lindner”. Ich freue mich dagegen über Platz 181 unter den 211 Finishern und über das wunderbare Erlebnis an den fünf Seen in Österreich.

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8 Responses to “22. Mondsee 5-Seen Radmarathon”

  1. Chris sagt:

    Gut gekämpft!

  2. stephan sagt:

    Danke :D Es hat Spaß gemacht. Auch wenn sichd as nicht immer so anhört im Text.

  3. Kerstin sagt:

    Ob er das Rad jeden Abend vor dem Schlafen gehen streichelt oder ob es wohl im Schlafzimmer steht? *schmunzel*

  4. stephan sagt:

    Nein, es steht im Wohnzimmer. Das Colnago hängt im Schlafzimmer :) Aber ein intimes Verhältnis zu seinem Velo darf man sich schon leisten. Schließlichhängt das Leben davon ab.

  5. Reiner sagt:

    Intimes Verhältnis? Deshalb haben meine Bikes auch Frauennamen….;-) Gratulation zum Finish

  6. Luigi sagt:

    Super Stephan, auf einer so schweren und langen Strecke einen 27,4km/h schnitt zu fahren, das schafft nicht jeder. Super Leistung! Ein toll und packend geschriebener Bericht. Macht schon Lust, sowas mal selbst zu erleben. Wobei, ich bleib lieber erst mal bei den Ultraläufen und den Triathlons, vielleicht mache ich auch wieder ein EZF. Für Radrennen bin ich zu feige, bin eher der RTF Genussradler.

  7. Bikerin sagt:

    Gratulation zu diesem Bericht. Hat mich echt beeindruckt. Am Schluss sind mir auch die Tränen gekommen. Ich habe an diesem Tag auch 14 Stunden gekämpft – aber als Helferlein bei dieser tollen Veranstaltung. Wenn du im August beim Triathlon in Mondsee an den Start gehst, melde dich an der Bier-Tankstelle, ich gebe dir ein “Clausthaler” aus !!
    Schöne Grüße aus Mondsee !

  8. [...] Weg führt die Radfahrer durch das Salzburger Hinterland und streift dabei die Strecke des Mondsee 5-Seen Radmarathon. Am Anfang ist die Strecke flach, gutes Tempo ist nach dem Start [...]

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