Meinung: Nahrungsergänzungsmittel und Viagra

Ich mag ihn, den Newsletter vom Peter Greif: Er schickt immer so lustige Geschichten und schlägt durchaus mal etwas härtere, Leistungs-orientierte Töne gegenüber uns Sportlern an. Es geht bei ihm nicht um Trullerlaufen, es geht um Laufsport. Und natürlich – das meine ich ganz unironisch – mag er dann noch etwas verkaufen. Geld verdienen ist keine Schande… Equipment und Getränkepulver sollen ja an den Läufer oder – in unserem Fall – an den Triathleten gebracht werden.

In letzter Zeit kommen mir die Greif-Newsletter allerdings ein bisschen vor, wie Viagra-Spam - schon in der Titelzeile:

“Hebe deine Füße an und zwar schnell – Lyprinol steigert die Vitalkapazität”

So der Titel der heutigen Ausgabe. Fehlt nur noch “Energy fur dein bestes Stuck” dahinter – der Tonfall ist für mich der selbe.

Generell stehe ich den Nahrungsergänzungmitteln skeptisch gegenüber. Und Sätze wie diese lassen mich stutzen:

Schon seit mehreren Jahren ist Lyprinol unser häufigst verkauftes Nahrungsergänzungsmittel. Unsere Kunden schätzen es als ein zuverlässiges Mittel gegen entzündliche Prozesse. Andere sind geradezu Fans von Lyprinol. Sie nehmen täglich Lyprinol, obwohl sie gar keine Entzündungen mehr haben: “Ich fühle mich einfach wohler, wenn ich Lyprinol nehme.”

Für mich klingt das fast nach einer Abhängigkeit dieses Lyprinol-Fans. Da wird also ein Mittel gegen entzündliche Prozesse angeboten, das man täglich nehmen kann, obwohl die Symptomatik gar nicht mehr besteht? Alleine weil man sich wohler fühlt? Weiter im Text:

Forscher haben herausgefunden, dass dieses Präparat aus der neuseeländischen Grünlippmuschel die Lungenfunktion steigert. [...] Nach ihrem persönlichen Empfinden befragt, berichteten die Teilnehmer, dass sie unter starker Belastung (Training am Berg, Wettkampf) besser Luft bekamen, während sie sich gleichzeitig belastbarer fühlten und weniger Zeit zur Regeneration benötigten.

Also geht es nur mir so, dass mich solche Texte kribbelig werden lassen und meine Gedanken unweigerlich Richtung Doping-Problematik wandern? Ist das nicht die (obacht, Differenzierung!) Einstiegsargumentation eines Dopers? “Ich fühl mich fitter, komme mit Belastung besser zurecht und regeneriere schneller – also nehme ich ein Mittel…”

Nur um das Missverständnis gar nicht erst entstehen zu lassen: Ich will Peter Greif gar nichts unterstellen. Der Markt für solche Mittel ist da. Ob Greif das verkauft oder Sport Daddelmeier. Aber ein Versprechen auf mehr Leistung durch gekaufte Mittel – wer solch ein Angebot annimmt, nimmt der nicht auch andere Angebote an, wenn er feststelt, dass die legalen Mittelchen bei ihm nicht viel bringen?

Was meint Ihr?

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4 Responses to “Meinung: Nahrungsergänzungsmittel und Viagra”

  1. Uli sagt:

    Klar, die Geisteshaltung ist die Gleiche. Nur, wo ist die Grenze? Bei der Banane und dem Erdinger alkoholfrei im Ziel, um schneller zu regenerieren. Beim Power-Riegel? Bei der Massage, die auch nicht nötig wäre? Dauert der Muskelkater eben einen Tag länger.
    Ich denke, auch wenn ich selbst keine “Nahrungsergänzung” nehme, solange es erlaubt ist, ist es kein Doping. Auch wenn es vielleicht unbefriedigend ist. Den nächsten Schritt zu den unerlaubten Mitteln muss jeder für sich selbst ausmachen.
    Das ist in jedem Bereich des Lebens nicht anders.

  2. ND sagt:

    Lyprinol hilft erwiesenermaßen bei Polyarthritis, Arthritis, Arthrose, Rheuma, Osteoporose, aber auch Fibromyalgie.

    Die Grünlippmuschel enthält zum einen Glykosamin-glykane, einer der Hauptbestandteile der für das Funktionieren der Gelenke unerlässlichen Gelenkschmiere. Außerdem Kieselsäure, die Knochen und Bindegewebe stärkt, sowie weitere Mineralstoffe und Spurenelemente. Und schließlich stecken in den australischen Muscheln mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren mit entzündungs-hemmender Wirkung.

    Zum einen liefert das Muschelöl die eine Entzündung bremsenden Omega-3-Fettsäuren (und Omega-6-Fettsäuren), zum anderen beeinflusst Lyprinol das für das Rheumageschehen ungünstige Enzym Lipoxygenase im Gewebe. Grünlippmuschel-Präparate sollten über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Erste Resultate sind in der Regel nach circa zwei bis vier Wochen spürbar. Die Einnahme ist unbedenklich und Wechselwirkungen mit Medikamenten sind nicht zu befürchten. Beim Kauf von Grünlippmuschelpräparaten sollte nie ein Pulverextrakt, sondern, aufgrund der höheren Reinheit, immer ein Volllipidextrakt erworben werden.

    Über eine Verbesserung der Lungenfunktion gibt es im Zusammenhang mit der Einnahme von Lyprinol keinerlei Wissenschaftliche Ergebnisse.

    Aber anstatt Pülverchen und Extrakte zu kaufen, kann man auch in der täglichen Ernährung eine richtige Auswahl an Fetten treffen, die dafür sorgen, dass sich die tägliche Fettmischung im richtigen Verhältnis hält und so Entzündungen vorbeugen.

  3. Sonja sagt:

    der Plazeboeffekt ist auch im Sportbereich sehr gut belegt, mehr bestätigen mir weder Grünlippmuscheln noch Aloe-Vera-Pillen noch Magnetarmbänder noch sonstige Dinge, die übrigens in Pillenform von Magensäure und Verdauungsenzymen in sehr viel weniger aufregende und meist bereits in jenem Käsebrötchen reichlich enthaltene Bestandteile zerlegt werden (sonst würde bereits die gute alte Blutwurst unter Doping fallen!). Ich wünsche mir manchmal nicht nur in der Kirche, dass ich Dinge einfach glauben könnte, denn ganz offensichtlich haben naive und ungebildete Menschen neben den sattsam bekannten Nachteilen auch viele Vorteile im Leben. 12 Jahre Arbeit in der medizinischen Wissenschaft haben meine privaten Hoffnungen, auch mal von diesem Leistungs-Plazeboeffekt profitieren zu dürfen, der im übrigen laut seriöser Literatur bis zu 10% ausmachen soll, zunichte gemacht. Schadeschadeschade.

    Ansonsten gebe ich dir vollkommen recht. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, die Intention, sich durch ein in seiner Wirkweise noch NICHT aufgeklärtes Schluckschluck oder Spritzspritz einen Vorteil zu verschaffen, ist menschlich, aber wer sich dessen bedient, steht für mich moralisch grundsätzlich auf genau demselben Level wie jemand, der ein bekanntes “Dope” zu sich nimmt. Die Intention ist schließlich im Grundsatz dieselbe (kein Muschelfresser wird sagen “der Unterschied ist dass meine Muscheln nix bewirken”. Er wird etwas ausweichend argumentieren “eigentlich ganz harmlos”, “alles ganz natürlich” – der Pharmakologe formuliert das dann so “sie enthalten keinen Wirkstoff” – aber warum geben die Leute dann so einen Haufen Geld dafür aus?? Etwas kann wirken oder es wirkt nicht, andere Möglichkeiten gibt es nicht. Wenn es ein bißchen wirkt, nun, eine Spritze Epo alle zwei Jahre wirkt auch nur ein bißchen, die Dosis macht bei jedem Wirkstoff sowohl den Tatbestand Gift als auch “Doping” aus).

    Die regelrechte Hexenjagd, die jetzt unterschiedslos und nivellierend auf alles gemacht wird, was in Pillen- oder Spritzenform von Spitzensportlern genommen wurde, kontrastiert in meinen Augen sehr unangenehm damit was man Sportlern alles für einen Schrott verkaufen kann, wenn man es nur in ebenerwähnter Pillen-oder Spritzenform tut. Wenn ich mal meinen Verdacht ganz schonungslos offen formulieren darf (ich will jetzt nicht schon wieder auf den armen Muscheln herumtrampeln, ist schon alles voller Schalen, und ich hab nichts gegen sie): wer Indianer-Pfeilkraut oder Hautcreme-Intarsien schluckt, tut das in der Hoffnung, einen bisher noch unerkannten Wirkstoff zu sich zu nehmen, der deswegen ha! ha! ha! noch auf keiner Liste mit verbotenen Substanzen stehen kann. Sollte er doch mal draufkommen, hat man von nix gewusst und muss sich halt was anderes suchen.

    Und noch etwas: Diese Einstellung war zwar Jahrtausende völlig ok. Solange niemand wirklich wusste, was er tat, konnte man jedes Kraut auf der Wiese rupfen, jedes Viech kochen und das Ganze dann essen; die Hoffnung, dass bei diesen Selbstversuchen etwas Gescheites für die gesamte Menschheit herauskam, war trotz ihrer Naivität berechtigt, denn man wusste es nicht besser, es gab nur try-and-error, und das Ziel war Zuwachs-an-Möglichkeiten-um-jeden-Preis. Heute weiß man es so viel besser, dass Wirkstoffe von der Pike auf designt werden können, da die molekulare Basis der Vorgänge im menschlichen Organismus bekannt ist, die man manipulieren möchte. (Warum “Zuwachs-an-Möglichkeiten-um-jeden-Preis” nicht mehr gefragt ist, brauche ich im Kontext Doping wohl nicht zu erklären.) Natürlich übersteigt das genaue wie-was-warum den Horizont der meisten Anwender, aber nicht den der Produzenten solcher Mittelchen. Zu sagen “ich denke nicht dass anabole Steroide in meinem Muckibuden-Pülverchen drinsind, steht schließlich nicht drauf” ist fahrlässig naiv, die wollen das Zeug schließlich verkaufen. Entweder der Produzent baut ausschließlich auf den Plazebo-Effekt, was zweifelsohne die meisten tun, oder, und damit müssen wir uns langsam alle auch mal auseinandersetzen, er tut was Wirksames hinein, was sich so ohne weiteres nicht nachweisen lässt und von dem ER dann sagen kann, wenn doch mal böse Zwischenfälle bekannt werden und der Staatsanwalt ermittelt, “ich habe von nix gewusst”. Das klingt jetzt böse, aber weit hergeholt? wisst ihr, wie weit Pülverchen und Pillchen hergeholt werden, die man so im Internet bekommt? (Glaubt ihr, dass sich in diesen Ländern jemand wirklich für die Gesundheit seiner Abnehmer interessiert?) Auch BFARM und Co können uns irgendwann nicht mehr vor unserer eigenen Dummheit schützen, wenn die Anzahl der Präparate weiter so ins Kraut schießt, weil der Markt bei uns puristischen, Doping strikt ablehnenden, hart trainierenden und gesundheitsbewussten Breitensportlern so boomt.

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